Ich finde im Rückblick erstaunlich, wie normal es war, als Kind mehrere Stunden einfach nicht erreichbar zu sein.
Die Eltern wussten ungefähr, mit wem man draußen war und wann man wiederkommen sollte. Dazwischen gab es keine Nachricht, keinen Standort und kein „bin gleich da“.
Es war nicht Freiheit ohne Regeln. Nur Freiheit ohne Live-Tracking.
Ich finde es im Rückblick erstaunlich, dass lange Autofahrten mit Straßenatlas oder ausgedruckter Route völlig normal waren.
Falsche Abfahrt genommen?
Dann musste man tatsächlich herausfinden, wo man jetzt ist.
Heute bin ich nach zwei Minuten ohne GPS schon beeindruckend orientierungslos.
Für ein Referat konnte die Recherche einmal bedeuten, dass das richtige Buch zu Hause oder in der Bibliothek stehen musste.
Wenn auf den verfügbaren sechs Seiten nicht genug zum Thema stand, war die Antwort nicht „noch zwanzig Tabs öffnen“.
Manchmal war die Information für heute einfach zu Ende.
Ein Computer im Haus.
Alle benutzen denselben.
Browser, Drucker, Spiele, Hausaufgaben.
Und wenn jemand davor sitzt, ist der Computer gerade besetzt.
„Mein Gerät“ war einmal keine Voraussetzung dafür, online zu sein.
Eine Folge verpasst bedeutete tatsächlich: Folge verpasst.
Kein Zurückspulen, kein „morgen in der Mediathek“, kein kompletter Staffelordner.
Manchmal wusste die halbe Schulklasse am nächsten Morgen mehr über eine Serie als man selbst. Dann musste man offenbar damit leben.
Bei einem Freund anrufen bedeutete einmal: Festnetznummer wählen, hoffen dass jemand da ist und möglicherweise zuerst mit den Eltern sprechen. „Hallo Frau Müller, ist Jonas da?“ war praktisch die analoge Version einer Kontaktanfrage – nur mit deutlich mehr sozialem Druck.
Eigene Festnetznummer.
Oma.
Bester Freund.
Zwei weitere Freunde.
Heute kenne ich ungefähr meine eigene Handynummer und vertraue beim Rest komplett darauf, dass mein Telefon nicht plötzlich alles vergisst.
Bei einem Freund vorbeigehen, klingeln und erst an der Haustür herausfinden, ob er überhaupt Zeit hat.
Keine Nachricht vorher, kein Kalender, kein „bist du spontan?“.
Wenn niemand da war, ging man eben wieder nach Hause oder zum nächsten Freund.
Ich habe als Kind vor dem Radio gewartet, um einen bestimmten Song auf Kassette aufzunehmen. Dann begann er endlich und der Moderator redete noch zwei Sekunden über das Intro. Heute könnte ich denselben Song in wenigen Sekunden suchen. Damals war Geduld offenbar Teil des Musikformats.
Einen Freund anzurufen bedeutete früher manchmal, zuerst ein kleines Gespräch mit seinen Eltern zu führen.
„Hallo, ist der Felix da?“
Dass beim Anruf bei einem Freund zunächst seine Mutter ans Telefon geht, wirkt heute fast wie eine andere Kommunikationsära.
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